Mindful Business Interview

Oliver Groß, Sonett GmbH, Deggenhausen im Gespräch mit
Prof. Dr. Gerald Hüther, Universität Göttingen

Achtsamkeit in Bezug auf den Umgang mit unserem Planeten und dessen Ressourcen und “hartes Business” scheinen sich oft zu widersprechen. Muss dies so sein? Wo liegen die Potenziale und wo die größten Widerstände?

Kurzfristig lassen sich durch Rücksichtslosigkeit immer größere Erfolge erreichen als durch achtsames und umsichtiges Vorgehen. Langfristig ist es aber genau umgekehrt. Da kommt man nur mit Achtsamkeit weiter. Die Frage lautet also: Wer entscheidet sich aus welchen Gründen für das eine oder das andere? Wer braucht den schnellen Erfolg? Das kann doch nur jemand sein, dem es aus welchen Gründen auch immer nicht gut geht, der also bedürftig und deshalb entsprechend gierig ist bzw. schnell erfolgreich sein muss.

Mindfulness ist eher etwas, das in uns passiert oder von uns ausgeht. Gibt es äußere Anlässe in der Wirtschaft, die sogar Achtsamkeit fordern? Wenn ja, wo fühlen Sie diese Forderung am stärksten?

Überall dort, wo eine Firma Mitarbeiter braucht, die ihr etwas schenken, was sich weder durch Belohnungen noch durch Bestrafungen aus ihnen herauslocken lässt, wird Achtsamkeit im Umgang miteinander zum Thema. Sie wollen Mitarbeiter, die kreativ sind, mitdenken, Verantwortung übernehmen, ihr Wissen und ihr Können mit anderen teilen und vielleicht auch noch freundlich sind!? Dann müssen Sie in ihrer Firma Bedingungen schaffen, die Ihre Mitarbeiter so positiv bewerten, dass sie bereit sind, Ihnen all das zu schenken. Mit Zuckerbrot geht das nicht, und mit der Peitsche erst recht nicht. Aber mit Achtsamkeit.

Gibt es Übungen oder Verhaltensweisen oder Fragen, die Sie nutzen, wenn Sie sich mit einem neuen Geschäftsfeld, einem neuen Produkt, einer neuen Geschäftsidee beschäftigen?

Ich frage mich erstens, wer das, was ich anzubieten habe, tatsächlich brauchen kann. Wenn ich das ernsthaft mache, erweisen sich die meisten meiner Ideen als unsinnig. Was dann noch übrig bleibt, funktioniert dann meist von ganz allein.

Gab es besondere Begegnungen mit anderen Menschen, die Ihre Arbeitsweise stark beeinflusst haben?

Ja, klar. Jesper Juul und Maria Aarts beispielsweise. In der Wirtschaft vielleicht Götz Werner mit seinem Konzept für die dm-Drogeriemärkte.

Gibt es ein Schulfach, das Sie einführen würden, um einen achtsameren Umgang mit Ressourcen, Menschen und Umwelt zu fördern?

Nein, es ist aus meiner Sicht eine irrige Vorstellung zu glauben, dass sich so etwas durch die Einführung eines neuen Schulfaches erreichen ließe. Von all dem, was in unseren Schulen gegenwärtig unterrichtet wird, bleibt schon jetzt bei den Schülern zwei Jahre nach dem Abschluss sowieso nur ein verschwindend kleiner Bruchteil hängen. 10 % sagen die Optimisten, 2% sind wahrscheinlich realistisch.

Sagen wir, wir sind uns einig, dass die Digitalisierung aller Lebensbereiche fortschreiten wird. Wie schätzen Sie die allgemeinen gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Digitalisierung in Bezug auf den Moment der Achtsamkeit ein?

Die Digitalisierung ist meiner Ansicht nach nicht das Problem. Problematisch ist, dass sich das Denken und die Vorstellungskraft des Menschen allzu leicht an das anpassen, womit er sich besonders intensiv beschäftigt, worüber er sich womöglich gar begeistert. Im letzten Jahrhundert waren das Maschinen und beispielsweise Autos. Das hat dazu geführt, dass sehr viele Menschen auch sich selbst und ihren Körper wie eine Maschine betrachten. Der muss dann mit Treibstoff aufgefüllt, geölt und geschmiert und ggf. repariert werden. Digitale Medien verleiten Menschen heute dazu, ihr Gehirn als Computer zu sehen, bei dem es auf eine gute Programmierung ankommt. Sie beginnen dann auch zunehmend selbst zu denken wie so ein digitales Gerät und all das, was ihnen die digitalen Medien an eigener Leistung abnehmen, müssen sie sich nicht mehr selbst aneignen. Viele können sich deshalb heute schon kaum noch eine Telefonnummer merken oder sich draußen ohne Navigationssystem orientieren.

Für wie wichtig halten Sie es zwischendurch einmal einen Tag persönlich “offline” zu sein?

Wenn sich jemand dazu zwingt oder dazu gezwungen wird, bringt das wahrscheinlich nichts. Sie oder er müsste es selbst wollen. Aber dazu braucht man einen guten Grund, ein Motiv. Und dieses Motiv muss stärker und erstrebenswerter sein als das, was den Wunsch oder das Bedürfnis online zu sein hervorbringt.

Über ein paar spontane Stichworte zu Ihrer Kindheit in Bezug auf Mindfulness würde ich mich freuen:

Ich bin auf dem Land aufgewachsen und habe die meiste Zeit meiner Kindheit draußen in der Natur verbracht. Dort wird man ganz von allein achtsam. Wer das nicht gelernt hat, bekommt dort draußen nichts mit. Da ist jedes Tier weg, bevor man es sehen oder gar genauer beobachten kann.

Über ein herausstechendes Ereignis in Ihrer Ausbildung in Bezug auf Achtsamkeit würde ich mich freuen:

Achtsamkeit war nicht Gegenstand meiner Ausbildung, weder in der Schule noch auf der Universität. Achtsam zu sein, hat mich das Leben gelehrt, vor allem das Zusammenleben mit anderen, mit meiner Frau, den Kindern, Freunden und Nachbarn. Heute, also langfristig betrachtet, kann ich nur sagen: zum Glück!

Vielen Dank!

Kurzvita

Hüther, Gerald, Dr. rer. nat. Dr. med. habil. ist Professor für Neurobiologe an der Universität Göttingen. Wissenschaftlich befasst er sich mit dem Einfluss früher Erfahrungen auf die Hirnentwicklung, mit den Auswirkungen von Angst und Stress und der Bedeutung emotionaler Reaktionen. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und populärwissenschaftlicher Darstellungen.

Mehr erfahren Sie unter gerald-huether.de.

Weitere Links

kulturwandel.org
akademiefuerpotentialentfaltung.de

Buchhinweis:

„Etwas mehr Hirn, bitte“. Eine Einladung zur Wiederentdeckung der Lust am eigenen Denken und der Freude am gemeinsamen Gestalten.
Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen (frisch erschienen).

Kölner Wirtschaftsgespräche #8, 08.04.2014

Hüther, Endres, Wagner, Gross
Gerald Hüther, Peter M. Endres, Jörg Wagner, Oliver Groß