Mindful Business Interview

Oliver Groß, Sonett GmbH, Deggenhausen im Gespräch mit
Prof. Dr. Harald Welzer, Direktor von Futur Zwei, Stiftung Zukunftsfähigkeit

Achtsamkeit in Bezug auf den Umgang mit unserem Planeten und dessen Ressourcen und “hartes Business” scheinen sich oft zu widersprechen. Muss dies so sein? Wo liegen die Potenziale und wo die größten Widerstände?

„Hartes Business“ wird ja langfristig nicht funktionieren, im Augenblick konsumiert es seine eigenen Voraussetzungen, was „in the long run“ kein Geschäftsmodell ist. Davon abgesehen, sind ja auch die persönlichen Kosten von „hard work“ sehr hoch. Die Frage ist also: Nutzen wir die heute noch gegebenen Handlungsspielräume zum Umsteuern oder machen wir weiter, bis ein Umsteuern unmöglich geworden ist?

Achtsamkeit hat sehr viel mit Empathie zu tun – mit der Fähigkeit sich in die Bedürfnisse und Empfindungen anderer Menschen hinein zu versetzen. Haben Sie diese Fähigkeit speziell trainiert? Durch Meditation, Yoga oder andere Übungen?

Ich würde den Begriff gar nicht so esoterisch verstehen. Die Organisationspsychologen Weick & Sutcliffe haben ein Buch über sogenannte „High-risk-organisations“ (zum Beispiel Atomkraftwerke oder Flugzeugträger) geschrieben, in dem sie herausarbeiten, wie diese Strategien der Reversibilität oder einer Fehlerkultur entwickeln. Das nennen sie „mindfulness“, und daraus kann man praktisch eine Menge für andere Organisationen lernen.

Gibt es Übungen, Verhaltensweisen oder Fragen, die Sie nutzen wenn Sie sich mit einem neuen Geschäftsfeld, einem neuen Produkt, einer neuen Geschäftsidee beschäftigen?

Hört sich jetzt doof an: Aber ich beginne den Tag mit einer Stunde Kaffeetrinken im Bett. Dabei kann ich meine Ideen am besten strukturieren.

Vielleicht ist das Ihre ganz eigene Art der Meditation? Gab es besondere Begegnungen mit anderen Menschen die Ihre Arbeitsweise stark beeinflusst haben?

Absolut. Die Art und Weise, wie ich mit Sprache umgehe und auch vortrage, ist extrem stark von Raul Hilberg beeinflusst, dem wichtigsten Holocaustforscher, der vor einigen Jahren verstorben ist. Er war sich immer dessen bewusst, dass es nicht nur um Fakten geht, sondern auch um die Ästhetik ihrer Darstellung, was die meisten seiner Kollegen nie verstanden haben. Was das Schreiben angeht, hat mich sicher Alexander Kluge beinflusst.

Gibt es ein Schulfach, das Sie einführen würden, um einen achtsameren Umgang mit Ressourcen, Menschen und Umwelt zu fördern?

Um Gottes Willen: Niemals ein Schulfach! Viel eher eine Schule, in der das gelebt wird. Wenn Sie etwas zum Schulfach machen und womöglich noch Noten vergeben, haben Sie schon verloren. Ich empfehle, sich einmal mit der Montessori-Schule in Potsdam zu beschäftigen, die ist beispielhaft.

Sagen wir, wir sind uns einig, dass die Digitalisierung aller Lebensbereiche fortschreiten wird. Wie schätzen Sie die allgemeinen gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Digitalisierung in Bezug auf den Moment der Achtsamkeit ein?

Einstweilen sehr negativ, weil sie zu Redundanz und Vereinzelung führt. Die Möglichkeit, zufällig neue Erfahrungen zu machen, sinkt systematisch. Eine Katastrophe für das Subjekt.

Für wie wichtig halten Sie es zwischendurch einmal einen Tag persönlich “offline” zu sein – hiermit verbinde ich auch die Frage nach dem Erleben von Einsamkeit und des sich Einlassens auf längere Gespräche mit Freunden und Familie und Geschäftspartnern?

Wenn ich König wäre, würde ich das verordnen.

Vielen Dank!

Kurzvita

Prof. Dr. Harald Welzer (geb. 1958) ist Soziologe und Sozialpsychologe. Mitbegründer und Direktor von „Futur Zwei. Stiftung Zukunftsfähigkeit“, Professor für Transformationsdesign und –vermittlung an der Universität Flensburg, ständiger Gastprofessor für Sozialpsychologie an der Universität Sankt Gallen.

Auswahl der Veröffentlichungen:
  • Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Frankfurt/Main: Fischer 2005.
  • Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird, Frankfurt/Main: Fischer 2008.
  • Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. Frankfurt/Main: Fischer 2011 (mit Sönke Neitzel).
  • Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Frankfurt/M.: Fischer 2013.
  • Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne. München: oekom 2014 (mit Bernd Sommer).

Die Bücher von Harald Welzer sind in 22 Sprachen übersetzt worden. Ein aktuelles Ranking des Georg-Duttweiler-Instituts vom letzten Jahr zählt Welzer zu den 100 wichtigsten Vordenkern weltweit.