Mindful Business Interview

Oliver Groß, Sonett GmbH, Deggenhausen im Gespräch mit
mit Jan Eßwein, Deutschlands meist gelesenem Autor zum Thema Achtsamkeit

Achtsamkeit in Bezug auf den Umgang mit unserem Planeten und dessen Ressourcen und “hartes Business” scheinen sich oft zu widersprechen. Muss dies so sein? Wo liegen die Potenziale und wo die größten Widerstände?

Achtsamkeit und Business sind überhaupt keine Gegensätze. Achtsamkeit wird von manchen Entscheidern allerdings noch als etwas Abgehobenes eingeordnet, das in ihrer Vorstellung wenig mit der Realität und den Anforderungen des Tagesgeschäfts zu tun hat.
Ich sehe das anders.
Es ist sehr wohl möglich, die Übungen und Tools der Achtsamkeit so zu vermitteln, dass sie sich nahtlos in den Alltag der Führungskräfte und Mitarbeiter integrieren lässt und sich an den realen Bedingungen und Anforderungen orientiert. Das ist auch mir persönlich übrigens besonders wichtig.
Achtsamkeit in Unternehmen einzuführen, ist eine langfristige Strategie, mentale und Gesundheits-Ressourcen optimal zu nutzen, ein gutes Klima in Teams zu schaffen und wertvolle Mitarbeiter dadurch langfristig zu binden. Eine große Anzahl wissenschaftlicher Studien belegt die Wirksamkeit der Achtsamkeit im Hinblick auf positive Stressverarbeitung, emotionale Intelligenz und gesteigerte Resilienz.

Mindfulness ist eher etwas, das in uns passiert oder von uns ausgeht. Gibt es äußere Anlässe in der Wirtschaft, die sogar Achtsamkeit fordern? Wenn ja, wo fühlst du diese Forderung am stärksten?

Ich beobachte, wie sich viele Führungskräfte, gerade im mittleren Management, über Jahre hinweg am oberen Limit Ihrer Leistungsfähigkeit und darüber hinaus bewegen. Dabei bleibt so vieles auf der Strecke – die Familien, Freunde, die Lebensfreude und auch die Gesundheit. Das zu sehen, macht mich traurig und betroffen. Ich finde, wir müssen etwas dagegen unternehmen.

Achtsamkeit hat sehr viel mit Empathie zu tun – mit der Fähigkeit sich in die Bedürfnisse und Empfindungen anderer Menschen hinein zu versetzen. Hast du diese Fähigkeit speziell trainiert – durch Meditation, Yoga oder andere Übungen?

Seit meinem siebzehnten Lebensjahr übe ich Yoga und Achtsamkeits-Meditation und habe in über zwei Jahrzehnten immer wieder die Erfahrung gemacht: je genauer ich mich selbst wahrnehmen kann, desto akkurater kann ich den anderen lesen, mich in ihn einfühlen. Mir persönlich ist das Gefühl von Achtsamkeit und Wertschätzung im Kontakt sehr wichtig. Wenn es mir gelingt, das dem Anderen auch zu vermitteln, fühlt er sich gesehen und ernst genommen.

Gibt es Übungen oder Verhaltensweisen oder Fragen die du nutzt, wenn du dich mit einem neuen Geschäftsfeld, einem neuen Produkt, einer neuen Geschäftsidee beschäftigst?

Ich versuche immer wieder hin und her zu pendeln zwischen einem tiefen gedanklichen Eintauchen in das entsprechende Thema und einem bewussten Innehalten und Zurücktreten, das mir einen weiten Blick ermöglicht. In diesen Momenten bin ich oft besonders kreativ und mir fallen Aspekte auf, die ich noch gar nicht beachtet hatte. Diesen inneren Schritt zurück zu treten, hat viel mit Achtsamkeit zu tun. Ich erarbeite eine neue Geschäftsidee stets analog, am Flipchart oder am Whiteboard. Dabei geht das Zurücktreten auch körperlich. Das macht es einfacher eine Außenperspektive einzunehmen, von der Metaebene drauf zu sehen.

Gab es besondere Begegnungen mit Menschen, die Ihre Arbeitsweise stark beeinflusst haben?

Ich hatte 2001 eine kurze persönliche Begegnung mit dem Dalai Lama. Er hat mich dabei spüren lassen, dass ich in diesem Moment für ihn der wichtigste Mensch bin. Diese bedingungslose liebvolle Präsenz zu erleben, hat mich tief beeindruckt.

Gibt es ein Schulfach, das Sie einführen würden, um einen achtsameren Umgang mit Ressourcen, Menschen und Umwelt zu fördern?

Ich glaube, dass Kinder, die sich selbst gut spüren und in der Lage sind sich in einen Zustand wacher Entspanntheit zu versetzen, ganz anders durchs Leben gehen. Sich etwas weniger von äußerer Zustimmung abhängig machen, sondern selbstbewusst ihrem eigenen inneren Kompass folgen. Meiner Meinung nach bräuchte es dafür gar kein neues Fach oder extra Stunden. Denn oft reichen wenige Minuten achtsamer Körperübungen und Konzentration auf den Atem aus, um den eigenen Zustand effektiv zu beeinflussen. Das gilt übrigens nicht nur für Kinder sondern auch für Erwachsene.

Sagen wir, wir sind uns einig, dass die Digitalisierung aller Lebensbereiche fortschreiten wird. Wie schätzen Sie die allgemeinen gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Digitalisierung in Bezug auf den Moment der Achtsamkeit ein?

Information frisst Achtsamkeit. Wer alle fünf Minuten auf sein Smartphone oder in die Mails schaut, befindet sich voll im reaktiven Modus. Er lässt sich leichter von seinen Aufgaben ablenken, schwächt seine Achtsamkeit und Konzentrationsfähigkeit. Aus Gesprächen in vielen Seminaren und Coachings bekomme ich mit, wie viel Stress das bei den Menschen verursacht. Ich höre wie unzufrieden sie sind nach einem Tag voller Ablenkungen.
Für Unternehmen bedeutet das übrigens einen massiven Verlust an mentaler Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter. Oft fehlt leider in den Führungsetagen noch das Bewusstsein für diese Problematik. Und die wird uns in den kommenden Jahren mit voller Wucht treffen, wenn wir nicht dagegen vorgehen.

Für wie wichtig halten Sie es zwischendurch einmal einen Tag persönlich “offline” zu sein?

Wie jeder sein „Digitales Detox“ praktiziert und was für ihn persönlich funktioniert, ist sehr individuell. Für manche ist so ein ganzer Tag offline wohltuend, für andere einfach nur stressig, weil ihr Job das eigentlich nicht zulässt.
Allerdings halte ich es für unabdingbar, einen bewussten Umgang mit den Digitalen Medien zu entwickeln, sich zu fragen und aktiv zu entscheiden: „Wann möchte ich online sein und wann nicht? Wann hilft es mir, wann belastet es mich? In welchen Situationen lenkt es mich ab?“ In Trainings haben mir viele Menschen von einer enormen Steigerung des Outputs berichtet, wenn sie zum Beispiel die ersten ein, zwei Stunden des Arbeitstages nicht in die Mails schauen – und dadurch unterbrechungsfrei an einem Thema arbeiten können. Machen Sie mal den Check und fragen Sie sich: „Was kann schlimmstenfalls passieren, wenn jemand zwei Stunden auf die Beantwortung einer Mail warten muss?“

Über ein paar spontane Stichworte zu Ihrer Kindheit und Jugend in Bezug auf Mindfulness würde ich mich freuen:

Ich erinnere mich noch an sehr intensive Sinneseindrücke aus meiner Kindheit: das weiche Fell meiner Katze unter meinen Fingern, der warme Geruch des Holzparketts im Wohnzimmer meiner Eltern, am Fluss mit Freunden Dämme bauen im kühlen Wasser… Diese – im Nachhinein betrachtet – spontan achtsamen Momente waren lebendig und erfüllend.

Über ein herausstechendes Ereignis in Ihrer Ausbildung in Bezug auf Achtsamkeit würde ich mich freuen:

Prägend war für mich vor einigen Jahren ein höchst intensives Achtsamkeitstraining in einem Kloster in Nepal: 175 Tage im Schweigen, ohne zu lesen, Musik zu hören oder irgendeinen Kontakt zur Außenwelt zu haben. Mein Auftrag war, vierzehn bis sechzehn Stunden jeden Tag zu meditieren. Darüber hinaus sollte ich auch außerhalb der formalen Meditation jeden einzelnen Moment mit höchster Achtsamkeit erleben – ob Zähneputzen, Essen oder einfach nur zu Gehen. Mein Lehrer sagte zu mir: Lebe von Mikrosekunde zu Mikrosekunde.

Kurzvita

Jan Eßwein (Jg. 1975) ist Deutschlands meist gelesener Autor zum Thema Achtsamkeit. Unter anderem schrieb er den Bestseller „Achtsamkeitstraining“ (GU-Verlag 2010). Als Physiotherapeut und Yogalehrer leitet er seit 2004 eine eigene Praxis in Planegg bei München. Schon als Jugendlicher begann Jan Eßwein, sich mit Yoga und Achtsamkeit zu beschäftigten. Bei Prof. Dr. Jon Kabat-Zinn absolvierte er das Professional Training in MBSR(Mindfulness Based Stress Reduction, dt. Stressbewältigung durch Achtsamkeit).
Jan Eßwein hielt sich mehrfach für Achtsamkeits-Weiterbildungen in Meditationszentren und Klöstern in Asien und Europa auf. Besonders das 175-tägige Schweige-Retreat im Panditarama Meditationszentrum, Nepal, prägen seine heutige Präsenz und innere Haltung.

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