Mindful Business Interview

Oliver Groß, Sonett GmbH, Deggenhausen im Gespräch mit
Philipp Kauffmann, Gründer der Schokoladen- und Naturschutzfirma Original Beans

Achtsamkeit in Bezug auf den Umgang mit unserem Planeten und dessen Ressourcen und “hartes Business” scheinen sich oft zu widersprechen. Muss dies so sein? Wo liegen die Potenziale und wo die größten Widerstände?

Der Widerspruch besteht, solange wir meinen, dass das Wesen von Unternehmerschaft “hart”, d.h. verantwortungslos ist, und nur der Stärkste, sprich der, der in erster Linie nimmt und allen anderen die Kosten aufbürdet, Erfolg hat. Das ist ein sehr zerstörerischer Ausdruck “männlicher Energie”. Das Potential liegt also in einer Wirtschaftskultur, die viel mehr persönliche Rechenschaft von Unternehmern einfordert und einem Menschenideal zustrebt, das dem Gemeinwohl verpflichtet ist. Erst in so einer Kultur kommt auch die Vitalität allen Lebens auf der Erde wirklich in den Fokus. Auf diese Weise verschwinden die Widersprüche.

Mindfulness ist eher etwas, das in uns passiert, oder von uns aus geht. Gibt es äußere Anlässe in der Wirtschaft, die sogar Achtsamkeit fordern? Wenn ja, wo fühlen Sie diese Forderung am stärksten?

Jeder Schritt hat eine Auswirkung. Wenn wir achtlos handeln, entsteht ein Ungleichgewicht. Wenn wir die Geschenke der Natur annehmen und sie weitergeben,  gehört es dazu, achtsam damit umzugehen, um das Gleichgewicht nicht zu zerstören. Gleichgewicht zu erhalten, sollte eine zentrale Aufgabe von Unternehmerschaft sein.

Achtsamkeit hat sehr viel mit Empathie Fähigkeit zu tun – mit der Fähigkeit sich in die Bedürfnisse und Empfindungen anderer Menschen hinein zu versetzen. Haben Sie diese Fähigkeit speziell trainiert?

Wie das Laufen kann man auch Achtsamkeit üben. Ich habe viele Jahre Jazzmusik gespielt, das schärft die Wahrnehmung des Moments. Ich reise viel, auch in sehr entlegene Gebiete der Welt und komme so mit Kulturen in Kontakt, die meine Achtsamkeit immer wieder praktisch fordern. Yoga ist ein fester Bestandteil meines Lebens und wurzelt mich in meinem Körper, gerade auch, wenn ich irgendwo in der Weltgeschichte für Original Beans unterwegs bin.

Gibt es Übungen oder Verhaltensweisen oder Fragen die Sie nutzen wenn Sie sich mit einem neuen Geschäftsfeld, einem neuen Produkt, einer neuen Geschäftsidee beschäftigen?

Womöglich die regelmässigste Frage, die ich mir in neuen Situationen stelle, ist, ob in dieser Situation, diesem Menschen, dieser Idee, Herz und Exzellenz schlummern. Ich versuche also, für einen Moment mit meinem Herz zu denken und mit Begeisterung. Danach kommen das nötige rationale Kalkül, die Planung, die Zahlen. Das ist ganz sicher die DNA, aus der heraus wir Original Beans wachsen lassen.

Gab es besondere Begegnungen mit anderen Menschen, die Ihre Arbeitsweise stark beeinflusst haben?

Ich habe am Ende meiner Internetunternehmerschaft sehr bewusst Menschen aufgesucht und mit ihnen Interviewsendungen fürs Radio produziert, die ich damals, und auch heute noch, als Vorbilder und Lehrer angesehen habe. Die Biologin Jane Gooddall, den Unternehmer Paul Hawken, die Wirtschaftswissenschaftlerin Hazel Henderson, und die Tiefenökologin Joanna Macy. Alle vier haben den Widerspruch, über den wir gerade sprechen, zu weiten Teilen aufgelöst, und sind für mich wichtige Mentoren geworden und eine ausschlaggebende Inspiration für Original Beans.

Gibt es ein Schulfach, das Sie einführen würden um einen achtsameren Umgang mit Ressourcen, Menschen und Umwelt zu fördern?

Es gibt ja schon so viele Schulfächer. Eigentlich könnte diese Thematik in jedes Fach einfließen. Aber es wäre ein anderer Unterricht, in dem niemand Lehrer ist und alle Schüler, denn wir alle sind dabei, diese Achtsamkeit zu erlernen und zu experimentieren mit der Rückverbindung zu unserer wahren Natur. Im Konkreten: der Unterricht sollte nicht darauf ausgerichtet sein, das Vergangene auswendig zu lernen, er sollte dem Moment mehr bedeuten und auf die spannenden Fragen der Zukunft gerichtet sein.

Sagen wir, wir sind uns einig, dass die Digitalisierung aller Lebensbereiche fortschreiten wird. Wie schätzen Sie die allgemeinen gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Digitalisierung in Bezug auf den Moment der Achtsamkeit ein?

Natürlich können uns all die Geräte um uns herum ablenken und von uns selbst entfernen. Andererseits steckt in der Digitalisierung auch die Möglichkeit eines weltweit organisierten Bewusstseins. Gerade hat die Earth Hour stattgefunden, ein weltweiter Moment der Achtsamkeit, an dem wir auch mit Original Beans teilgenommen haben. Superreiche Medienunternehmen sind die Gastgeber für unsere Bewegung in der digitalen Welt, von diesen müssen wir Verantwortung einfordern, da gibt es keine “Neutralität”.

Für wie wichtig halten Sie es zwischendurch einmal einen Tag persönlich “offline” zu sein?

Ich schalte mein Handy aus, wenn ich ein direktes Gespräch führe. Und ich gehe in den Dschungel, buchstäblich, wenn´s mir zu viel wird. “Offline” ist kein Graus, sondern ein Labsal. Verkosten Sie mal Schokolade mit dem Telefon am Ohr und sagen sie mir dann, was sie geschmeckt haben. Das wird nicht viel sein. Schade also, um den verlorenen Schokolademoment.

Über ein paar spontane Stichworte zu Ihrer Kindheit in Bezug auf Mindfulness würde ich mich freuen:

In meiner Kernfamilie haben wir nicht so sehr Mindfulness praktiziert, als Empathie. Mein Vater ist Arzt. Und meine beiden Eltern, als Kinder aus den Nachkriegstrümmern, haben immer materielle Schlichtheit geschätzt und eine enorme Dankbarkeit ausgedrückt in Bezug auf all die Lebensqualitäten, die sie sich im Laufe der Jahre kaufen konnten. Jeden Sommer haben wir bei sehr traditionell eingestellten Bauern verbracht in den Bergen, eine ganz tiefe Prägung in Bezug auf Natur und handwerkliche Traditionen, deren Schutz wir uns ja in der Arbeit bei Original Beans verpflichtet haben.

Über ein herausstechendes Ereignis in Ihrer Ausbildung in Bezug auf Achtsamkeit würde ich mich freuen:

Herausstechend für mich während meiner Schulzeit war die Unachtsamkeit, mit der ich dem Unterricht gefolgt bin. Weder in den Lehrern noch in den Inhalten habe ich viel gefunden. Ich suche das Konkrete: Ich denke darum machen wir bei Original Beans eine der besten Schokoladen und haben mittlerweile eine Million Bäume gepflanzt, die man über unsere Webseite zu einigen der eindrucksvollsten Naturorte der Welt zurückverfolgen kann. Alles Ausdruck meines “Schultraumas”.

Danke für deine Antworten und das Gespräch.

Link zur Schokolade

Mini-Vita:

Philipp Kauffmann stammt aus München und repräsentiert die siebte Generation einer bekannten Naturschutz- und Forscherfamilie. Er studierte zunächst Anthropologie und Wirtschaft an der Universität London, und gründete in den frühen 90-er Jahren ein Internetunternehmen, aus dem er dreieinhalb Jahre später ausstieg um Naturschützer zu werden. Er arbeitete vier Jahre lang beim WWF für Naturschutzprojekte auf der ganzen Welt und nahm schließlich eine Stelle bei der UN in New York als Experte für Biodiversität und Business an. 2008 gründete er die Schokoladen- und Naturschutzfirma Original Beans, inspiriert durch seinen Urahnen, dem bedeutenden Forstwissenschaftler G.L. Hartig, der bereits 1791 den Begriff Nachhaltigkeit prägte.

Seit 2008 hat Original Beans dazu beigetragen, in Regionen so entlegen wie der Amazonas und herausfordernd wie der Ost-Kongo, eine Million Bäume zu pflanzen. Original Beans hat damit geholfen die Lebensumstände von zwanzigtausend Kakaofamilien zu verbessern, einige der seltensten Kakaos der Welt bewahrt, und beim Erhalt von Pufferwäldern mitgewirkt, die die letzten Berggorillas und die atemberaubenden Paradiesvögel schützen. Original Beans Schokoladen haben wiederholt die wichtigsten Auszeichnungen in der Branche gewonnen und werden in den besten Restaurants der Welt serviert.